Freitag, 16. Oktober 2015

Sheepo,Teil 1

Wie Australien zum ersten Reichtum kam • Was den Niedergang der australischen Wollindustrie einleitete • Wie viel Wolle ein Merino-Schaf gibt • Warum man heute nicht so einfach von Rindern zu Schafen wechseln kann.

"Sheep-o!" rufen die australischen Schafscherer (shearers) mit Nachdruck, wenn während ihrer Arbeit der Nachschub stockt. Sie arbeiten im Akkord und sind extrem ungeduldig, wenn es ein Gehilfe verpasst, rechtzeitig den kleinen Pferch hinter dem Scherposten mit Schafen aufzufüllen. Schafescheren war einst ein goldenes Handwerk, und Wolle hat den ersten Reichtum von Australien begründet (der zweite Reichtum waren die Bodenschätze). Die Wollindustrie hat über mehr als 100 Jahre massgeblich die Arbeitskultur in Australien geprägt und trägt damit auch eine Mitverantwortung, wenn Holden, Ford und Toyota in 2016 und 2017 die Autoproduktion in Australien einstellen. Aber I'm getting ahead of myself, wie die Australier sagen würden, also der Reihe nach.

Wolleballen à 200 kg werden mit einem Pferdegespann abtransportiert

Die elf Schiffe der First Fleet, die Australien im Januar 1788 mit rund 1300 Personen erreichten, um eine Strafkolonie zu gründen, hatten in Kapstadt unter anderem 44 Schafe zugeladen. Die meisten landeten in der Pfanne. Es dauerte viele Jahre, bis sich die Kolonie selbst versorgen konnte, immer wieder mussten Lebensmittel von Südafrika, Indien, den Norfolk Islands und England nachgeliefert werden.

1796 wurden 26 Merino-Schafe von Südafrika eingeführt, 1820 nochmals 5’000, und daraus entstand Australiens erste Industrie. 1848 wurden 5’657 Tonnen Wolle nach England exportiert, dann explodieren die Zahlen: 1892 weideten 102 Mio. Schafe, die 289’000 Tonnen Wolle lieferten. Diese Entwicklung ging zusammen mit dem Einwandererstrom und der Expansion der Kolonien zuerst ins Landesinnere, dann nach Norden und Westen wie im vorletzten Eintrag beschrieben. Doch während der bisher längsten Dürre (1894 bis 1904) seit der weissen Besiedelung Australiens ging die Zahl auf die Hälfte zurück, um anschliessend bis 1969 wieder auf 180 Mio. Schafe und 923’000 Tonnen Wolle anzusteigen.

Anzahl Schafe in Australien 1861 bis 1996. Die Dürre um 1900 ist deutlich sichtbar, so wie auch die gesunkene Nachfrage nach Wolle nach dem Zweiten Weltkrieg (Quelle).

Die Merino-Schafe, die man heute auf den Weiden sieht, wurden stetig aus den Merinos des frühen 19. Jahrhunderts gezüchtet. Während ein Schaf vor 150 Jahren eher klein war und ein gutes Kilo rauher Wolle lieferte, so geben die Merinos heute 3-5 Kilo feinste Fasern ab, sind gutmütig und einfacher zu scheren. Die kontinuierliche Steigerung des australischen Wollertrags ("the clip") kam also sowohl durch die Vergrösserung der Herden wie durch die Steigerung des Ertrags pro Schaf zustande. 

Frisch geschorene Merinowolle (Bild anklicken für Vergrösserung)

Australien hat mit Wolle zeitweise unanständig viel Geld verdient: während des Ersten und Zweiten Weltkriegs, als Grossbritannien "the whole clip for the duration of the war" (die ganze Wollernte während der Dauer des Kriegs) zu einem fixen Preis aufkaufte. Und noch einmal 1950 bis 1953 als die USA im Koreakrieg ihre Soldaten vor dem strengen Winter schützen musste: Australien wusste, dass die USA auf die Wolle angewiesen waren, wenn sie nicht den Krieg verlieren wollten, und setzte den Preis in neue Höhen: fast neunmal so viel wie die Briten 1945 bezahlt hatten. Die US-Regierung biss in den sauren Apfel. Aber der Niedergang war eingeleitet, nach dem Koreakrieg begannen die Preise am Weltmarkt zu sinken, während die Herden in Australien weiter vergrössert wurden. Die Gewerkschaft der Scherer hielt an einem zu hohen Mindestlohn fest. Später kam die Retourkutsche der US-Regierung dazu, die grosse Beträge in die Entwicklung von Kunstfasern als Ersatz für Wolle investiert hatte. Der Rest ist Geschichte: bis Merino-Wolle vor etwa 10 Jahren im Outdoorbereich wieder in Mode kam, trugen die Welt fast nur noch Baumwolle und Kunstfasern.

Wollpreis in Australien in [cent/kg]Die unübersehbare Spitze von $37/kg ist der Koreakrieg (Quelle).

1971 fiel der Preis auf $4.30 pro Kilo. Die Lobby der australischen Wollindustrie war stark, und der Ruf nach staatlicher Hilfe wurde laut. 1974 wusste die Regierung nichts besseres als mit der freien Marktwirtschaft zu interferieren, indem sie einen Mindestpreis für Wolle festsetzte. Jeder, der Wolle produzieren konnte, tat dies und machte ein Vermögen, weil ihm die Produktion zum garantierten Preis abgenommen wurde — auch als es auf dem Weltmarkt keine Nachfrage mehr dafür gab. Der australische Staatshaushalt ruinierte sich beinahe, 4.7 Mio. Tonnen Wolle lagen auf Halde. 1991 musste die Preisgarantie fallengelassen werden, die Profite der Industrie gingen in den Keller. Es dauerte bis ins Jahr 2000, bis der letzte Ballen aus den Beständen abverkauft war.

Australische Produktion von Merinowolle in [Mio kg/Jahr] 1983 bis 2015 (Quelle)

Mittlerweile hat die Nachfrage nach hochqualitativer Wolle wieder angezogen, doch viele Stations haben von Schafen auf Rinder umgestellt. Nicht zuletzt, weil in weiten Regionen die Dingos nicht mehr in Schach gehalten werden und zu viele Lämmer reissen (siehe meinen letzten Blogeintrag und diese Studie). 2014 lag Australien mit 75 Mio. Schafen auf Platz drei ganz knapp hinter Indien, vor Sudan und Iran und weit hinter China (187 Mio).

Brendon verwendet einen Rückhaltemechanismus, um seinen Rücken zu schonen

Im Teil 2 beleuchte ich, was die Scherer-Legenden leisteten und was die Australische Labour-Partei damit zu tun hat — Sheepo!

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